Einmal im Jahr liegt sie im Briefkasten: die Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung. Ein freundlicher Brief, zwei Seiten, und mittendrin eine erstaunlich große Zahl: Ihre künftige monatliche Rente. Viele lesen diese Zahl, atmen auf und heften den Brief ab. Genau das ist der Fehler. Denn diese Zahl ist brutto, sie ist ohne Kaufkraftverlust gerechnet, und von ihr gehen später noch Krankenversicherung, Pflegeversicherung und Steuern ab. Die Rentenversicherung schreibt das sogar selbst dazu, im Kleingedruckten auf der Rückseite: Bei nur 1,5 Prozent Inflation haben 100 Euro zum Rentenbeginn noch eine Kaufkraft von etwa 78 Euro.

Zwischen der Zahl im Brief und dem, was Sie im Alter tatsächlich ausgeben können, liegt eine Lücke. Und diese Lücke ist kein Naturereignis. Sie ist das Ergebnis von zwei Jahrzehnten Politik, die das Problem kannte, benannte und liegen ließ.

Konzeptbild: Renteninformation mit sichtbarer Lücke zwischen Brief-Zahl und tatsächlicher Kaufkraft
Die Zahl im Brief ist nicht die Zahl auf Ihrem Konto: Zwischen beiden liegen Inflation, Abgaben und Steuern.

Was in Ihrer Renteninformation steht und was nicht

Drei Angaben auf der Vorderseite sind entscheidend: die Rente, die Sie bekämen, wenn Sie heute voll erwerbsgemindert wären, die bislang erreichte Anwartschaft und die Hochrechnung, was herauskommt, wenn Sie bis zum Rentenbeginn so weiterzahlen wie bisher. Diese dritte Zahl ist die, die alle beruhigt. Sie ist auch die, die am meisten täuscht.

Denn sie ist eine Bruttozahl in künftigen Euro. Was fehlt: der Kaufkraftverlust bis zu Ihrem Rentenbeginn, die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung der Rentner und die Einkommensteuer. Wer ab 2040 in Rente geht, versteuert seine gesetzliche Rente nahezu vollständig. Aus einer stolzen Zahl im Brief werden so schnell mehrere hundert Euro weniger reale Kaufkraft im Monat. Wie viel genau, ist bei jedem anders. Deshalb hilft nur eines: nachrechnen.

„Trau keiner Zahl, die du nicht selbst nachgerechnet hast.“— Han Solo, sinngemäß

Zwanzig Jahre auf Ansage

Damit hier kein Missverständnis entsteht: Das ist keine Abrechnung mit einer einzelnen Partei. An der Rentenpolitik der letzten zwanzig Jahre waren fast alle beteiligt, die heute im Bundestag sitzen. Genau das macht es ja so ärgerlich.

Die Demografie ist keine Überraschung. Dass geburtenstarke Jahrgänge in Rente gehen und weniger Beitragszahler nachkommen, steht seit den Achtzigern in jedem Lehrbuch. 1962 finanzierten sechs Beitragszahler einen Rentner, heute sind es noch etwa zwei. Die Antworten der Politik darauf: 2001 die Riester-Rente: freiwillig, teuer, kompliziert, heute weitgehend als Fehlschlag abgeschrieben. 2004 der Nachhaltigkeitsfaktor, 2007 die Rente mit 67. Und danach? Im Wesentlichen Stillstand oder Schlimmeres: Rente mit 63, Ausweitung der Mütterrente, Haltelinien. Leistungen wurden ausgeweitet, statt das System zu stabilisieren. Bezahlt wird das mit einem Bundeszuschuss von weit über 100 Milliarden Euro pro Jahr, also Steuergeld, das an anderer Stelle fehlt, und mit den Beiträgen derer, die heute arbeiten.

Auch das jüngste Rentenpaket vom Dezember 2025 folgt diesem Muster: Die Haltelinie von 48 Prozent wurde bis 2031 verlängert, die Mütterrente erneut ausgeweitet. Das ist politisch bequem, weil es heutige Rentner beruhigt. Strukturell gelöst ist damit nichts, die Rechnung wandert eine Generation weiter.

Zur Einordnung

Dieser Artikel ist ein Kommentar. Die Zahlen stammen aus öffentlichen Quellen (Bundesregierung, Bundestag, Deutsche Rentenversicherung, Bericht der Alterssicherungskommission vom Juni 2026), die Bewertung ist meine eigene.

Was die Regierung jetzt plant

Im Juni 2026 hat die Alterssicherungskommission ihren Bericht übergeben: 33 Empfehlungen für eine grundlegende Reform. Die Kernpunkte: Das Renteneintrittsalter soll an die Lebenserwartung gekoppelt werden, nach heutigem Stand etwa ein halbes Jahr mehr pro Jahrzehnt. Dazu kommt eine verpflichtende kapitalgedeckte Zusatzrente nach schwedischem Vorbild: zwei Prozent vom Bruttolohn, je zur Hälfte von Arbeitnehmer und Arbeitgeber, angelegt in einem staatlich organisierten Fonds. Als Zielwert nennt die Kommission 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens. Die Regierung will das Paket nach der Sommerpause durch den Bundestag bringen; in Kraft treten soll es Anfang 2027.

Meine Einschätzung dazu ist zweigeteilt. Ja, die Richtung stimmt. Endlich. Kapitaldeckung als zweites Standbein, ein ehrlicher Umgang mit der Lebenserwartung: Das hätte man vor zwanzig Jahren beschließen können, die Vorschläge lagen damals schon auf dem Tisch. Aber verlassen sollten Sie sich auf dieses Paket nicht. Die Kritiker haben nachgerechnet: Die Muster-Zusatzrente von rund 770 Euro nach 45 Beitragsjahren entspricht bei zwei Prozent Inflation nur etwa 300 Euro heutiger Kaufkraft. Und wer heute 45 oder 55 ist, hat gar keine 45 Jahre mehr, um einzuzahlen. Für die Generation mitten im Berufsleben kommt diese Reform schlicht zu spät. Ihre Lücke schließt sie nicht.

„Das ist nicht die Reform, nach der ihr sucht.“— Obi-Wan Kenobi, sinngemäß

Was das für Sie heißt

Erstens: Die Zahl in Ihrer Renteninformation ist eine Bruttozahl in künftigen Euro und nicht Ihr verfügbares Einkommen. Zweitens: Arbeiten bis 67 ist die Untergrenze, nicht die Obergrenze. Die Kopplung an die Lebenserwartung wird kommen, in welcher Form auch immer. Drittens, und das ist der wichtigste Punkt: Eigenvorsorge ist keine Kür mehr, sondern Pflicht. Das gilt doppelt für Selbstständige und viele Handwerker, bei denen die gesetzliche Rente ohnehin nur ein Teil der Absicherung ist.

Der erste Schritt kostet weder Geld noch einen Beratungstermin: Rechnen Sie Ihre eigene Lücke aus. Nicht die Durchschnittslücke aus der Zeitung, sondern Ihre.

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In fünf Minuten zur eigenen Zahl

Holen Sie Ihre letzte Renteninformation aus dem Ordner, den freundlichen Brief, den Sie abgeheftet haben. Sie brauchen drei Angaben von der Vorderseite: die hochgerechnete monatliche Rente, das Jahr Ihres Rentenbeginns und, wenn Sie mögen, die bislang erreichte Anwartschaft. Eintragen, Wunsch-Einkommen ergänzen, rechnen lassen. Wer tippfaul ist, fotografiert den Brief und lässt die KI die Werte auslesen; decken Sie dabei einfach Name, Adresse und Versicherungsnummer ab, denn für die Rechnung zählen nur die Beträge.

Am Ende steht eine Zahl: Ihre monatliche Lücke in heutiger Kaufkraft. Die kann wehtun. Aber sie ist ehrlicher als die Zahl im Brief, und sie ist der Startpunkt, um zu handeln. Wie sich aus einer monatlichen Sparrate über die Jahre ein Polster aufbaut, das genau diese Lücke schließt, können Sie direkt im nächsten Schritt durchspielen.

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Wut zahlt keine Rente

Man darf sich über zwanzig verlorene Jahre ärgern. Man darf auch skeptisch sein, ob eine Reform, die Anfang 2027 in Kraft treten soll, diesmal hält, was sie verspricht. Aber Ärger und Skepsis zahlen keine Rente. Was zählt, ist Ihre eigene Zahl: Wie groß ist Ihre Lücke, und was tun Sie ab diesem Monat dagegen? Beides lässt sich an einem Abend klären, der Brief liegt ja schon im Ordner.

„Tu es. Oder tu es nicht. Aber hoffe nicht, dass es die Politik für dich erledigt.“— Yoda, sinngemäß

Dieser Artikel gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und stellt keine Renten-, Steuer- oder Anlageberatung dar. Alle Zahlen sind gerundete Schätzungen bzw. öffentlich zugängliche Angaben (Stand Juli 2026). Bei konkreten Entscheidungen ziehen Sie bitte eine qualifizierte Beratung zu Rate.

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